Regisseur und Autor Egon Günther gestorben


Egon Günther mit 90 Jahren am Donnerstag letzten gestorben

Egon Günther war einer der innovativsten und mutigsten Filmemacher Ostdeutschlands. Er verscherzte es sich nicht nur einmal mit den DDR-Behörden. Günther stammt aus einer Arbeiterfamilie. Er absolvierte eine Lehre als Schlosser und arbeitete anschließend als Technischer Zeichner in einem Konstruktionsbüro. 1944/45 nahm er als Soldat der Wehrmacht am Zweiten Weltkrieg teil. Er geriet in den Niederlanden in Kriegsgefangenschaft, aus der ihm die Flucht gelang. Nach Kriegsende arbeitete er anfangs als Neulehrer in der Sowjetischen Besatzungszone. Von 1948 bis 1951 studierte er Pädagogik, Germanistik und Philosophie an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Anschließend war er wieder als Lehrer tätig, wechselte später ins Verlagswesen und war Lektor beim Mitteldeutschen Verlag in Halle/Saale. Ab 1958 war er als Dramaturg, Szenarist und Regisseur für das Filmstudio Babelsberg der DEFA tätig. Ab 1961 lebte er als freier Schriftsteller und Regisseur in Potsdam-Babelsberg.

Seit den Sechzigerjahren trat das schriftstellerische Werk Günthers, der seit 1953 Erzählungen und Romane veröffentlicht hatte, gegenüber der Arbeit für Film und Fernsehen in den Hintergrund. Günther verfasste eine Reihe von Drehbüchern und führte ab 1961 auch selbst Regie bei Spielfilmproduktionen der DEFA. Bereits seit dem Verbot der Märchenkomödie “Wenn du groß bist, lieber Adam” im Jahre 1965 hatte der Regisseur bei der Verfilmung von Gegenwartsstoffen immer wieder Probleme mit der DDR-Zensur; andererseits waren seine Literaturverfilmungen große Erfolge. Seine Mitarbeit am Drehbuch “Chingachgook, die große Schlange” blieb ungenannt, lediglich als Autor der (im Film nicht verwendeten) Liedtexte tauchte er auf der Schallplatte auf.

Als ihm 1978 die angeblich nichtrealistische Bildsprache seines Films “Ursula” zum Vorwurf gemacht wurde, reagierte Günther mit dem Austritt aus dem Verband der Filmschaffenden der DDR. Er verließ das Land (behielt jedoch den DDR-Pass) und arbeitete in den folgenden Jahren nur noch an westdeutschen Film- und Fernsehproduktionen mit. Erst 1990 kehrte er in die DDR zurück. Auch nach der Wiedervereinigung drehte er eine Reihe von Spielfilmen, von denen vor allem “Die Braut”, die Geschichte von Goethes Geliebter und späterer Ehefrau Christiane Vulpius, Aufsehen erregte. Daneben wirkte Günther wieder als Dozent an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg.

Egon Günther war Mitglied der SED und des Schriftstellerverbandes der DDR. Als Regisseur erhielt er u.a. folgende Auszeichnungen: 1972 einen Nationalpreis 3. Klasse, den Hauptpreis des Internationalen Filmfestivals von Karlovy Vary und den Silbernen Löwen von San Marco für den Film Der Dritte, 1974 gemeinsam mit seinem Team den Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste für die beste Gesamtleistung in Erziehung vor Verdun, 1983 den Adolf-Grimme-Preis für den Fernsehfilm Lenz, 1990 den Fipresci-Preis der Berlinale für den Film Wenn du groß bist, lieber Adam sowie 1999 den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises in Gold für sein Gesamtwerk.

Egon Günther wurde 2014 mit einem Stern auf dem BOULEVARD der STARS in Berlin geehrt. Bis zu seinem Tod lebte er mit seiner dritten Frau in Groß Glienicke in Brandenburg. An Hochschulen gab er in den letzten Jahrzehnten sein Wissen an kommende Generationen von Regisseuren und Drehbuchautoren weiter. Er hatte viel zu erzählen – vor allem auch, wie es ist, in einem repressiven Staat Haltung zu bewahren und unermüdlich künstlerisch ambitionierte Filme zu realisieren.

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02.09.2017 | Kategorie: Top News

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