Gero Gandert: Meine jüngste Akquisition

Mehr als 30 Jahre lang war ich für das Museum und die Archive der Deutschen Kinemathek in den USA unterwegs. Auf der Suche nach den Hinterlassenschaf­ten der sogenannten Filmemigranten – Dokumenten und Objekten zu Biografie und Werk. Nazi-Deutschland, in seinem antisemitischen Furor, hatte zahlreiche Filmleute ins Exil getrieben oder in den Vernichtungslagern umgebracht. Zu den Glücklichen, die den Häschern des NS-Regimes entkamen, gehörte auch Curt (Curtis) Courant, einer der bedeutendsten Kameraleute der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Er war an großen Titeln der Filmgeschichte beteiligt: Alfred Hitchcocks “The Man Who Knew Too Much” (1934), Jean Renoirs ” “La Bête Humaine” (1938), Marcel Carnés “Le Jour se lève” (1939) und außerdem, wenn auch nur  heimlich, da ihm in Hollywood die zuständige Gewerkschaft die Arbeitserlaubnis verweigerte, an Charlie Chaplins “Monsieur Verdoux” (1947).

Bislang hatte ich nur ein persönliches Fotoalbum von Courant aufgespürt. Nach meinem voraussichtlich letzten Hollywood-Trip Anfang Juni 2010 kehrte ich allerdings mit einem kostbaren Erinnerungsstück zurück. Die kleine Anekdote hat eine längere Vorgeschichte und mit einem der bekanntesten Hollywood-Clans zu tun, den Kohners.

Paul Kohner (1902-1988), der legendäre Agent aus den Grand Old Days der kalifornischen Filmmetropole, als die Namen der Tycoons noch für große Firmen standen (Louis B. Mayer für Metro-Goldwyn-Mayer, Harry und Jack Warner für Warner Bros. und Harry Cohn für Columbia), betreute seit Ende der dreißiger Jahre viele Mitglieder der deutschsprachigen Kolonie. Er war der Motor des “European Film Fund”, einer Hilfsorganisation, die nach dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs zahllosen Flüchtlingen aus Europa zu einem neuen Start in Amerika verhalf. Filmleuten vor allem und Schriftstellern vom Range Alfred Döblins, Leonhard Franks und Friedrich Torbergs. Berge von Exil-Korrespondenz aus dem Keller der Agentur befinden sich heute in der Kohner-Sammlung der Kinemathek.

Paul Kohners Sohn Pancho, ebenfalls seit jungen Jahren in der Filmindustrie tätig, beispielsweise als Executive Producer diverser Charles Bronson-Filme, hat daran mitgewirkt, dass diese für die Film- und Literaturwissenschaft so wichtigen Quellen in drei aufeinander folgenden Aktionen nach Berlin gelangten.

Diesmal kam ich mit einem sehr persönlichen Wunsch in die Filmstadt: Einmal noch wollte ich Panchos berühmte Mutter besuchen, die Schauspielerin Lupita Tovar, die wenige Wochen später, am 27. Juli, unter der Anteilnahme halb Hollywoods und ihrer mexikanischen Landsleute ihren 100. Geburtstag feiern konnte. Pancho erfüllte mir diese Bitte und brachte mich dann in mein Hotel zurück, ins  historische “Highland Gardens”, das manchmal in den Memoiren seiner einstigen Gäste vorkommt.

Als wir uns verabschiedeten, erzählte mir Pancho Kohner, er sei zum Nachlassverwalter der kürzlich verstorbenen Witwe von Curt Courant bestimmt worden. Im Einverständnis mit den Erben überreichte er mir, in Seidenpapier gewickelt, einen kleinen, glänzenden Gegenstand: ein massivgoldenes Zigarettenetui. Fritz Lang hatte es einst für Curt Courant gravieren lassen. Auf dem Deckel, Sie sehen es auf dem Foto, das Firmenlogo der FRITZ LANG FILM, dazu der Filmtitel “Frau im Mond”. Die Schließe ein Saphir mit Capuchon-Schliff, innen die Widmung: “Zur Erinnerung an unsere erste Zusammenarbeit – Fritz Lang”.

Ich war sprachlos. Und stellen Sie sich vor: Er wollte nicht einmal eine Quittung!

P.S. Ein Wort noch zu den übrigen Kohners, die in dieser Geschichte nicht vorkommen. Susan Kohner, die Schwester von Paul Kohner, stand zwischen 1955 und 1964 ebenfalls vor der Kamera und wurde für ihre Rolle in Douglas Sirks “Imitation of Life” für den Oscar nominiert. In John Hustons “Freud” spielte sie Freuds Ehefrau Martha. Ihre Söhne Paul und Chris Weitz sind heute als Regisseure, Autoren und Produzenten in Hollywood erfolgreich (“Antz”, “American Pie”, “About a Boy” “New, Moon” etc.).

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09.09.2010 | Kategorie: Stars erlebt

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